Selma Mahlknecht, die bereits für „Helena“ den Sir-Walter-Scott-Preis für den besten deutschsprachigen historischen Roman erhielt, legt nun einen zweiten großen historischen Roman vor. Darin zeichnet sie die Umbrüche, Entwicklungen und Transformationen der vergangenen hundert Jahre in Südtirol. Der Roman beginnt bei den Folgen des Ersten Weltkriegs und schreitet voran zu Faschismus, Nationalsozialismus und Kaltem Krieg bis in die Gegenwart einer erneut geteilten Welt.
Hans, die Hauptfigur, ist ein uneheliches Kind, im Dorf als Krüppel und Schandbub verschrien. Er muss mitansehen, wie Freunde zum Krieg einrücken, die Faschisten und Nazi-Bonzen die Bevölkerung terrorisieren und seine Mutter einen von ihnen heiratet. Doch Hans, der Dekorationsmaler wird, erlebt auch, wie sich das Dorf nach und nach wandelt, wächst und weltoffener wird. Trotzdem kann auch der steigende Wohlstand die Ungleichheit nicht beseitigen.
Mahlknecht gelingt es in nüchterner und präziser Sprache, die große internationale Geschichte unter dem Brennglas des Dorfes Naturns spannend und unterhaltsam nachzuzeichnen. Durch die Augen des Dekorationsmalers Hans, der immer wieder Zuflucht bei den weltberühmten Fresken von St. Prokulus findet, werden die Gedanken und Gefühle der kleinen Leute sichtbar, die mit ihren Handlungen die lokale Geschichte mitprägen.
Die Dramaturgie der erst 1924 wiederentdeckten Fresken mit Kühen, Engeln, Heiligen und dem rätselhaften Motiv des Schauklers ist als Grundstruktur in den Roman eingewebt: Hans, empfindet sich als Kind jenseits der Herde, findet neue Leitfiguren und Freunde. Als junger Mann erlebt er die Heilsversprechen der Nachkriegszeit. Im reifen Alter muss er Abschied nehmen und erkennt sich selbst als den Schaukler im Fresko – bereit zum Absprung.